Kaum eine Fernsehzeitschrift oder ein Apothekenschaufenster, die nicht auf die Gefahren des vermeintlich so verbreiteten Mangels an Vitamin D hinweisen und die dringende Notwendigkeit der Abhilfe durch in der Regel nicht ganz billige Nahrungsergänzungsmittel behaupten. Darüber hinaus soll das Hormon (denn Vitamin D ist eigentlich ein Hormon, das der Körper selber bilden kann) bei zahllosen schweren Erkrankungen - von Arterienverkalkung bis Depression - eine hilfreich-heilende Rolle spielen.

Gefolgert wird dies aus bei vielen Erkrankungen tatsächlich messbar erniedrigten Vitamin D-Spiegeln im Blut, wobei allerdings offenbar Ursache und Wirkung regelmäßig verwechselt werden: die erniedrigten Blutspiegel sind einer großangelegten Übersichtsarbeit (Metaanalyse, Bolland 2014), die mehrere hundert Studien zum Vitamin D zusammenfasst, demnach keineswegs die Ursache, sondern die Folge dieser Erkrankungen und in ihrer Bedeutung nicht klar. Klar sei jedoch, so die Autoren: "Menschen, die Vitamin D-Präparate einnehmen, sind dadurch nicht besser vor Gefäßerkrankungen, Diabetes oder Krebs geschützt", diese Präparate seien im günstigsten Falle nur unnötig, wahrscheinlich aber sogar schädlich.

Zwar hätten einige Beobachtungsstudien gezeigt, dass Erwachsene, die einen gemessenen Vitamin D-Mangel aufweisen nicht nur an Störungen des Knochenstoffwechsels, sondern auch vermehrt an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs litten, diese Art von Studien sei - so die Autoren - aber gänzlich ungeeignet, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Beobachtungen herzustellen. Vielmehr könnte der Vitamin D-Mangel schlicht ein Indikator für einen insgesamt ungesünderen Lebensstil (Fehlernährung, zu wenig Bewegung an frischer Luft etc.) sein.

In der genannten Übersichtsarbeit wurden nun die Studien zusammengefasst, die gezielt den Einfluss einer Vitamin D-Ergänzung auf die genannten Problem untersuchen: lediglich bei Bewohnern von Altenheimen konnte ein positiver Einfluss von Vitamin D auf die Häufigkeit von Knochenbrüchen nachgewiesen werden und dies auch nur, wenn gleichzeitig Kalzium zugeführt wurde. Bei allen anderen Bevölkerungsgruppen ist kein Einfluss auf diese Häufigkeit und auch keiner auf die von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder gar Krebs nachgewiesen worden.

Und ein weiteres Ergebnis stimmt nachdenklich: neben einem zu niedrigen Vitamin D-Spiegel war auch ein (zu) hoher mit einer vermehrten Sterblichkeit verbunden (Michaelsson 2010).

Woher also der Hype? Die Autoren der Lancet-Studie äußern sich speziell zur Situation in Deutschland mit der Bemerkung: "Es gibt insbesondere in Deutschland einen starken Einfluss der Hersteller von Vitaminpräparaten, Messgeräten und auch der Solariumsindustrie." Letztere wollten über die Betonung des Nutzens ultravioletter Strahlung das schlechte Image ihrer Produkte als Krebserzeuger korrigieren (zitiert nach SZ 2014)

 

Literatur:

Bolland MJ. The Lancet Diabetes & Endocrinology, Early Online Publication, 24 January 2014 doi:10.1016/S2213-8587(13)70212-2

Michaelsson K. Am J Clin Nutr October 2010 vol. 92 no. 4 841-848

Süddeutsche Zeitung, 05.03.2014 http://sz.de/1.1904723